Johann Wilhelm Wölfel (30. März 1902 – 3. Juli 1944), Rechtsanwalt.
Vorsitzender des Ortskartells der katholischen Vereine Bambergs. Mitglied der Bayerischen Volkspartei.
Nach dem 31. Januar 1933 Verteidiger Bamberger Bürger vor dem Sondergericht.
1943 angeklagt wegen Wehrkraftzersetzung und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.
Hingerichtet am 3. Juli 1944 in Görden a. d. Havel.

 
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Gedenken
an Hans Wölfel zu seinem 68. Todestag
am 03. Juli 2012

Rede
Dr. Helmut Müller, Vorsitzender der
CSU-Fraktion im Bamberger Stadtrat,
in Vertretung des Oberbürgermeisters

Artikel
im Fränkischen Tag
vom 05. Juli 2012
von Marion Krüger-Hundrup

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Werner Zeißner,
Vorsitzender der Kaiser-Heinrich-Gilde Bamberg

Rede am Ehrengrab

Hochwürdiger Herr Dompfarrer Dr. Förch als Vorsitzender des Förderkreises zur Pflege des Erinnerns an Hans Wölfel,
sehr geehrter Herr Dr. Müller als Vertreter des Herrn Oberbürgermeisters,
sehr geehrte Damen und Herren Stadträte,
liebe Freunde der Kaiser-Heinrich-Gilde,
sehr geehrte Teilnehmer der heutigen Gedenkfeier!

Als Vorsitzender der Kaiser-Heinrich-Gilde Bamberg habe ich die ehrenvolle Aufgabe, heute Worte des Gedenkens anlässlich des 68. Todestages von Hans Wölfel zu sprechen.

Die Kaiser-Heinrich-Gilde ist eine auf freundschaftlicher Basis beruhende Gemeinschaft katholischer Christen, deren Ziel es ist, christlichen Werten in unserer Gesellschaft mehr Raum zu verschaffen und ihre Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft sichtbar werden zu lassen. Zusammen mit 34 weiteren Gruppen in Deutschland und der Schweiz, die die gleichen Ziele verfolgen, gehören wir dem Cartell Rupert Mayer an. Den Namenspatron des Cartells, den 1945 verstorbenen Jesuitenpater Rupert Mayer (* 1876), verbinden zwei wichtige Aspekte mit Hans Wölfel: Zum einen der Kampf gegen den Nationalsozialismus seit den frühen zwanziger Jahren, und zum anderen sein vorbildlicher Widerstand in der Nazizeit. Ich möchte heute den Schwerpunkt auf den ersten Aspekt legen.

Hans Wölfel fiel seit dem Beginn seines Jurastudiums im Jahr 1922 bei seinen Kommilitonen durch eine fundierte politische und religiöse Einstellung auf. Auf dieser Grundlage war er in der Lage, sich dem Zeitgeist zu widersetzen und Antwort zu geben auf die drängenden Fragen seines akademischen Umfeldes, und er war bereit, Verantwortung zu übernehmen. Hans Wölfel folgte damit einer Aufforderung des führenden deutschen Moraltheologen und Münsteraner Dompropstes Joseph Mausbach, der anders als viele Prälaten der Weimarer Republik positiv gegenüberstand und von der Jugend „tätige, opferfreudige Einordnung in das Ganze des öffentlichen Lebens“ verlangte. Nach den Morden an dem katholischen Zentrumspolitiker Matthias Erzberger und dem jüdischen Reichsaußenminister Walther Rathenau und im Vorfeld des Hitlerputsches vom 9. November 1923 erklärte Hans Wölfel in einer sogenannten Vaterlandsrede am 9. September 1923 vor den Bundesbrüdern seiner Studentenverbindung: „Kein Angehöriger einer Katholischen Studentenverbindung kann Mitglied einer nationalistischen Partei sein, die sich anmaßt, unserer religiösen Überzeugung Schranken zu setzen, weil sie nach ihrer Anschauung dem sittlichen Empfinden der germanischen Rasse nicht entspreche; wir verweigern einer völkischen Bewegung jede Unterstützung, die den Völkerhass von vorneherein als Pflicht macht.“ Nach dieser unmissverständlichen Antwort folgte seitens Hans Wölfels auch die Übernahme von Verantwortung, indem er sich führend an der Gründung eines Katholischen Akademiker-Bundes als Gegengewicht beteiligte.

Noch bevor die sogenannten Goldenen Zwanziger mit dem „Schwarzen Freitag“ vom 24. Oktober 1929 und dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise ein jähes Ende fanden, war Hans Wölfel 1928 der Bayerischen Volkspartei beigetreten. Nach den persönlichen Weichenstellungen des Jahres 1929 – zweites juristisches Staatsexamen, Eröffnung einer Anwaltskanzlei in der Bamberger Luitpoldstraße und Eheschließung mit der Lehrerstochter Elisabeth Rauh aus Pödeldorf – wäre für Hans Wölfel der Rückzug in seine private Welt naheliegend gewesen. Doch die politische Entwicklung und das dramatische Ansteigen der nationalsozialistischen Bewegung seit den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 erinnerten ihn an seine Verantwortung für das Gemeinwohl. Daher entschloss sich der junge Jurist, sich mit ganzer Kraft der „braunen Flut“ entgegenzustellen.

Bei diesem Kampf fand Hans Wölfel in dem nur wenig älteren geistlichen Religionslehrer Georg Werthmann einen engen Freund und Weggefährten. Nach der damaligen kirchlichen Rechtslage war den Geistlichen zwar politische Agitation von der Kanzel aus verboten, aber außerhalb des sakralen Raumes durften sie sich durchaus parteipolitisch betätigen. So nutzten beide Männer mit dem Wohlwollen der kirchlichen Obrigkeit zahllose Veranstaltungen der Bayerischen Volkspartei und der Jugendseelsorge, um ihre Zuhörerschaft von der Unvereinbarkeit von NS-Ideologie und katholischer Glaubens- und Sittenlehre zu überzeugen. Auch mit vielen Artikeln im „Bamberger Volksblatt“ erreichten sie eine große Resonanz. Furchtlos gingen beide nach dem Vorbild von Rupert Mayer in die Versammlungen ihrer politischen Gegner, insbesondere der Nationalsozialisten, traten dort als Diskussionsredner auf und drehten nicht selten die ganze Veranstaltung in ihrem Sinne um. Kein Wunder war es, dass der Hass der Nazis gegen Hans Wölfel ins Ungeheure wuchs. Die „Spätfolgen“ sollten ihm ein gutes Jahrzehnt danach zum tödlichen Verhängnis werden.

Doch wie sah es mit dem unmittelbaren Erfolg von Hans Wölfel und seinem Freund bei den Wahlen des Jahres 1932 aus? Nicht ganz zu Unrecht wird zwar das Jahr 1933 als die Zeitenwende zum totalitären Staat angesehen, über dieser Tatsache sollte jedoch nicht vergessen werden, dass 1932 als das eigentliche Schicksalsjahr der Weimarer Republik zu betrachten ist. Denn bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 hatten die drei Parteigruppen, die die Weimarer Verfassung verabschiedeten – Sozialdemokraten, Liberale und Zentrum bzw. Bayerische Volkspartei – mehr als 80 % der Stimmen erhalten. 13 Jahre später erreichten diese Parteien bei den Reichstagswahlen am 31. Juli und am 6. November 1932 jeweils zusammen nicht einmal mehr 40 %. Die Gegner der parlamentarischen Demokratie hatten somit die Oberhand gewonnen.

Die Bilanz für die demokratischen Kräfte fiel im Wirkungsbereich Hans Wölfels, nämlich Stadt und Bezirksamt Bamberg, sehr unterschiedlich aus. In den katholischen Landgemeinden war Hans Wölfels Kampf gegen den Nationalsozialismus – allerdings mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen – sehr erfolgreich. Die Nazis blieben deutlich in der Minderheit, in den meisten Gemeinden unter 10 %; dies muss man mit dem Reichsdurchschnitt von 37,2 % bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 in Relation setzen. Bei den letzten wirklich freien Wahlen am 6. November 1932 gab es sogar noch vier Gemeinden, in denen die NSDAP keine einzige Stimme erhalten hatte. Es handelt sich um Ehrl und Dörrnwasserlos bei Schesslitz sowie Tiefenhöchstadt bei Buttenheim und Treppendorf bei Burgebrach. Die Namen dieser Orte sollte man in ehrender Erinnerung behalten. Es war nämlich keineswegs so, dass der Weg in den NS-Staat zwangsläufig war.

Anders sah es dagegen in der Bischofsstadt Bamberg aus. Hier waren die Nazis mit einem Stimmenanteil von 40,2 % gegenüber 34,6 % der Bayerischen Volkspartei mit klarem Vorsprung stärkste politische Kraft geworden. Dieses Ergebnis ist im Vergleich mit anderen fränkischen Städten zu betrachten, die eine ähnliche konfessionelle Prägung wie Bamberg besaßen, nämlich Würzburg mit 22,8 % Nazis und Aschaffenburg mit 21,9 %; d. h. in diesen beiden Städten blieben die Hitler-Anhänger nahe beim Reichsdurchschnitt katholischer Wähler von ca. 20 %. Es wäre daher zu klären, weshalb in Bamberg der NS-Anhang doppelt so groß war und weshalb die Argumente von Hans Wölfel und seinen Helfern ein vergleichsweise geringes Gehör fanden. Bevor die letzten Zeitzeugen der heftigen Auseinandersetzungen im Bamberg des Jahres 1932 sich nicht mehr äußern können, sollten sie uns die damalige politische Stimmungslage schildern und uns über mögliche Beweggründe informieren, die am 31. Juli 1932 nicht weniger als 12.128 Bamberger wie rund 14 Millionen Deutsche veranlassten, den braunen Rattenfängern auf den Leim zu gehen. Die Wahlentscheidungen des Jahres 1932 sind ja als Voraussetzung für die rund 50 Millionen Opfer von NS-Terror, Rassenwahn und Zweitem Weltkrieg anzusehen.

Für Hans Wölfel dürfte das Wahlergebnis des 31. Juli 1932 ein zutiefst deprimierendes Erlebnis gewesen sein. Trotz seines größtmöglichen persönlichen Einsatzes triumphierten die Gegner der Weimarer Republik. Für uns stellt sich die Frage, welche Konsequenzen wir im Sinne eines ehrenden Gedenkens an Hans Wölfel für die Gegenwart und die Zukunft ziehen sollten.

In der Gegenwart ist es unsere Pflicht, die Erinnerung an diejenigen wach zu halten, die rechtzeitig vor dem durch die Nationalsozialisten drohenden Unheil gewarnt haben. Auch sollten die Gegner des NS-Regimes vor Verunglimpfung geschützt werden. Solche Angriffe kommen überraschender Weise nicht nur von rechtsextremer Seite. Noch überraschender ist es, dass sich kaum jemand darüber empört. Gemäß dem Vorbild von Hans Wölfel sollten die demokratischen Parteien unterscheiden zwischen dem Kampf gegen die Feinde der Demokratie und der politischen Auseinandersetzung mit Gegnern aus dem demokratischen Lager. Hans Wölfel fühlte sich fest in der Mitte des politischen und kirchlichen Spektrums verankert und konnte als überzeugter katholischer Christ durchaus mit dem liberalen Freimaurer Thomas Dehler kooperieren.

Für die Zukunft ist es von zentraler Bedeutung, dass die Jugend, die demnächst in unserem Land die politische Verantwortung übernehmen wird, über eine solide staatsbürgerliche Bildung verfügt. Dies ist eine Aufgabe nicht nur der Schulen, sondern aller gesellschaftlichen Kräfte. Kirchen, Gewerkschaften und politische Parteien müssen in ihren jeweiligen Einflussbereichen dafür arbeiten, die seit geraumer Zeit offensichtlichen Defizite bei den jungen Leuten zu beseitigen. Nach neuesten Umfragen können knapp 40 % der Jugendlichen die Charakteristika von Diktatur und Demokratie nicht unterscheiden; und nach einer Latenzzeit von zwei Generationen verfangen in den früheren Nazi-Hochburgen wieder die alten rechtsextremen Parolen bei allzu vielen Heranwachsenden. Im Sinne Hans Wölfels ist es, neben dem unbedingt notwendigen Kampf gegen den Rechtsextremismus mit gleicher Energie für eine aktive Beteiligung der Jugend an der Weiterentwicklung unserer demokratischen Zivilgesellschaft zu werben. Denn die Demokratie ist der Ernstfall der Demokraten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


 
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